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Diskrete Liebesdienste
Anne Molieres Agentur vermittelt Seitensprünge und registriert
wachsendes weibliches Interesse an "verhängnisfreien Affären"
VON PETRA MIES
Anne weiß, was Frauen wünschen. Im Geheimen, oft nicht einmal der
besten Freundin anvertraut, aber inniglich. Keine Brillis, keine
neuen Schuhe nähren diese weiblichen Fantasien, nein: Die Frauen
träumen von einem fremden Mann im Bett. Und diesen Wunsch erfüllt
ihnen "Annes Seitensprung Agentur und Partnervermittlung" gern und
diskret.
Agentur-Gründerin Anne Molière, so ihr Pseudonym, geleitet
lächelnd ins Wohnzimmer des Reihenhauses in Hannover, in dem sie
mit ihrem Partner und vier der sechs Kinder aus früheren
Beziehungen lebt. Die 46-Jährige ist eine attraktive, lebenskluge
Rothaarige mit ruhiger Stimme. Sie bietet Kaffee und Wasser an,
blickt offen. "Viel Spaß im Puff", hatten männliche Kollegen den
Besuch bei Anne Moliere zuvor scherzhaft kommentiert. Aber Anne
Moliere sieht nicht wie eine Puffmutter aus. Und sie ist auch
keine. Weibliche Kolleginnen schwiegen, um mitunter anschließend
die Internet-Adresse der Agentur zu erbitten. Neugierig waren
alle.
Die Geschäftsidee, mit der Anne Moliere gutes Geld verdient,
polarisiert. Sie lacht. "Ich bin an schlüpfrige Sprüche gewöhnt."
Ihr Erfolg beweist, dass sie wirklich weiß, was eine wachsende
Zahl von Frauen wünscht, dass sich diese Frauen aber nur trauen,
wenn ihr Seitensprung organisiert, gesichert und verwaltet ist.
Ausgelebtes Begehren gegen Kasse. Wobei bei Anne nur die Männer
zahlen. "Ich bin für die Frauen da." Sie schenkt Kaffee nach.
Der Kick, das Abenteuer, ein Ausbruch aus der Einsamkeit in der
Zweisamkeit: Die Motive der Kundschaft kreisen weitgehend um das
Gleiche. Bleibt die heimische Bett-Kiste kalt oder allenfalls
lauwarm, soll der Seitensprung die Leidenschaft wieder anheizen
oder zumindest ein Abenteuer gegen häusliche Langeweile liefern.
Anne Molieres Agentur versteht sich als "Forum", um den
Seitensprung "hundertprozentig diskret" zu organisieren. Das
Fremdgehen per Vermittlung bietet nach Auffassung der Chefin die
Möglichkeit, "Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse auszuleben, die
in der Partnerschaft tabu sind". Mit Moral muss Anne Moliere
niemand kommen. In ihrem Buch schreibt sie über den mit ihrer
Hilfe organisierten Ehebruch in Serie: "Die vielen Kritiker meiner
Agentur sollten sich vor Augen führen, was diese Tatsache
eigentlich auslöst. Ich denke, kein Mann und auch keine Frau
entschließt sich zu so einem Schritt, wenn die Beziehung zum
Partner total in Ordnung ist." Im Gespräch ergänzt sie: "Wenn
ringsherum alle Ehen prima wären, bitte schön. Sie sind es aber
nicht. Sonst würde nicht der Wunsch entstehen, sich woanders das
zu holen, was zuhause nicht zu bekommen ist."
Die Chefin der etwas anderen Agentur pocht überdies auf Zahlen,
laut denen "Untreue im Trend liegt und auch in Deutschland längst
kein Tabu-Thema mehr ist". Denn: "49 Prozent der deutschen Männer
und 37 Prozent der Frauen waren schon einmal während ihrer Ehe
oder in einer festen Partnerschaft untreu." Sie lächelt. "Die
Seitensprung-Dunkelziffer in einem Land, in dem jede zweite oder
dritte Ehe geschieden wird, ist aber bestimmt noch größer."
Anne Moliere lebt mit ihrem Partner, zwei Hunden, zwei Katzen und
den vier Kindern zusammen. Ihre beiden Kinder stammen aus ihrer
geschiedenen Ehe, ihr Partner hat vier Kinder mit in die Beziehung
gebracht; die beiden Ältesten sind ausgezogen. "Ich bin sehr
glücklich mit ihm, weshalb ich schon viele Angebote von Kunden
ablehnen musste, die sich mit mir selbst treffen wollten", sagt
sie und blickt ernst. "Aber keine Chance." Zur Agentur gehören
Anne Moliere, ihr Partner, der sich überwiegend um die
elektronische Ausstattung kümmert, fünf Mitarbeiterinnen, viele
Computer und noch mehr Telefone. Ein Kommunikations- und
Organisationsbetrieb. Weil die Agentur keine Laufkundschaft habe,
"hat es auch noch nie ein Problem für unsere Kinder gegeben, die
natürlich wissen, was wir hier machen".
Angefangen hat Anne Moliere allein. Die Idee, Frauen zu möglichst
verhängnisfreien Affären zu verhelfen, "ist vor sieben Jahren in
meinem Kopf entstanden". Damals hat sie in
Frauen-Selbsthilfegruppen gearbeitet. "Die Vereinsamung vieler
Frauen in der Ehe gab mir zu denken." Zwar existierten bereits
ähnliche Agenturen, "aber da waren Frauen nicht geschützt, weil
ihre Telefonnummern an Männer weitergegeben wurden, was gefährlich
ist, außerdem mussten sie bezahlen." Bei Anne Moliere bekommen nur
Frauen die Daten der Männer, niemals umgekehrt.
Anne Moliere hat ihr Projekt im Raum Hannover gestartet.
Ausgestattet mit Telefon und Anrufbeantworter, schaltete sie
Anzeigen. Heute operiert ihre Agentur bundesweit und hat
mittlerweile viertausend Vermittlungen arrangiert. Es dokumentiert
ein irritierendes gesellschaftliches Bedürfnis nach bezahlter
Dienstleistung bis ins Intime, dass das Geschäft mit der Untreue
derart brummt. Die Kunden sind zu 60 Prozent Männer und zu 40
Prozent Frauen. "Und Frauen ziehen ziemlich nach." Es hört sich
nach Lob an.
Die gelernte Bankkauffrau hat eheliche Lieblosigkeit selbst
erlebt. "Ich habe nur bis zum ersten Kind gearbeitet und saß dann
zuhause. Wer den ganzen Tag nur Kindersprache hört und abends kein
qualifiziertes Gespräch mit den Mann führen kann, weil der nur an
seine Arbeit denkt und seine Ruhe will, kriegt die Krise." Ihr
späteres ehrenamtliches Engagement im Frauenhaus-Telefondienst war
ihr in der neuen Profession nützlich: "Anfangs habe ich hier
manchmal bis abends um zehn Sorgentelefon gespielt, weil so viele
Männer und Frauen mir ihre Probleme schildern wollten, aber das
hat mich auf Dauer zu sehr belastet."
Das Internet erleichtert ihr inzwischen das Gewerbe. Interessenten
füllen dort Fragebögen mit ihren "Eckdaten" aus, können sie nach
wie vor aber auch telefonisch durchgeben. Alter, Größe, Haarfarbe
und Haarlänge bei "ihr", Größe, Figur und Alter bei "ihm". Keine
Fotos, was bei etwas realitätsferner Selbstbeschreibung schon beim
ersten Treffen zur unfeinen Flucht führen kann, wenn sich der
Adonis oder die Traumfrau als allzu unansehnlich erweist. Das
Telefonnummern-Feld bleibt bei Frauen leer.
Männer zahlen halbjährlich 160, ganzjährig 210 Euro. Zwei
respektive drei Vermittlungen in der gewünschten Region sind dabei
frei, jede weitere Vermittlung kostet jeweils zwölf Euro. Wer
bundesweit Seitenspringen will, zahlt 315 Euro für zwei Jahre. Das
klingt kalt, unerotisch und nach bezahltem Sex mit Frauen, die
sich doch wieder nur benutzen lassen. Aber Anne Moliere
widerspricht energisch. "Da ist ganz viel Gefühl im Spiel." Und
als gehobene Form der Prostitution sieht sie ihre Arbeit schon gar
nicht: "Eine Professionelle sagt, ich nehme das Geld und spiele
dir notfalls auch was vor, die Frauen in meiner Kartei sind
wirklich ausgehungert, übrigens sagen auch immer mehr Männer, dass
sie echte Leidenschaft spüren wollen." Wer in der Kartei steht,
kann sich jederzeit melden, um zu sagen, dass er gern diesen Mann
oder diese Frau mit folgender Kundennummer treffen will. "Wenn das
Treffen arrangiert ist, entscheidet letztlich die Chemie, ob es
nur ein Kaffeetrinken oder mehr wird." Anne Moliere blickt ernst.
"Sex muss nicht im Vordergrund stehen, nach vielen Ehejahren tut
es manchem Menschen schon gut, einmal wieder ausführlich über sich
zu sprechen."
Anders verhalte es sich mit den "One-night-stands" oder "Blind
dates", die ihre Agentur organisiert, indem sie Ort und Zeit
festlegt und das Erkennungszeichen weitergibt. "Das machen Leute,
die einfach mal wieder ihren Akku aufladen wollen und dann gut
weiterleben können. Aber auch bei ihnen kann sich das fremde Paar,
das sich in einer Hotel-Rezeption trifft, nach dem Getränk
trennen, wenn es keine Lust hat, zusammen ins Zimmer zu gehen." So
oder so: Katzenjammer aufgrund schlechten Gewissens bekämen ihre
Kundinnen und Kunden nur selten. "Meistens meldet sich das
Gewissen eher vorher und dann sagen die Leute ab oder lassen sich
wieder aus der Kartei nehmen." Siege die moralische Not vor einem
Treffen, "sagen Frauen ehrlicher, dass sie kalte Füße bekommen
haben, Männer schieben gern angebliche andere Termine vor".
Es sei manchmal schwierig, sich für das heimliche Tête-à-tête
freizumachen. "Vor allem für eine Frau, die sich um Kinder und
Haushalt kümmert. Wenn sie sich plötzlich schicker anzieht und
stundenlang aus dem Haus geht, fällt das auf." Alibi-Beratung
macht die Agentur nicht. Aber Anne Moliere hat viel Erfahrung mit
Seitensprüngen und Ängsten der Frauen, die sich das große Kribbeln
nur mit dem Anker der Beratung trauen. Deshalb erwähnt sie
mehrfach: "Niemals von einem ISDN-Anschluss aus wählen oder das
Telefon so einstellen, dass die Nummer nicht angezeigt wird. Keine
Telefonnummern herumliegen lassen, um nicht aufzufliegen. Außerdem
rate ich Frauen aus Sicherheitsgründen dazu, sich zunächst dort
mit dem Mann zu treffen, wo viel Publikum ist, auf keinen Fall
beim ersten Mal zu ihm ins Auto zu steigen." Wohl auch aufgrund
des Umstands, dass der Agentur alle Daten vorliegen, "ist zum
Glück noch nie etwas Schlimmes passiert".
Warum Menschen für etwas bezahlen, das sie auch kostenlos haben
können, begründet Anne Moliere so: "In den meisten Ehen binden
Kinder, Freundeskreis und Haus, das wollen viele aus Angst nicht
aufgeben. Sind sie in der Partnerschaft ausgehungert, wollen sie
den Partner aber nicht verlassen und trotz der Fassade ein wenig
Spaß haben, fehlen ihnen die Gelegenheiten, einen anderen Menschen
kennen zu lernen. Im privaten Umfeld ist das heikel. Frauen können
beim Einkaufen oder Sport nicht einfach einen Bekannten
ansprechen, das fiele auf." Da bleibe nur die Möglichkeit, eine
Kontaktanzeige zu schalten "oder eine Agentur in Anspruch zu
nehmen, was weniger aufwändig und sogar richtig bequem ist." Das
klingt so, als helfe der Service, das sexuelle und emotionale
Befinden der Republik ins Lot zu bringen.
Zuständig ist die Agentur so lange, bis sie der Frau die
Telefonnummer des Mannes gegeben hat, alles weitere ist Sache der
Beteiligten. Sie können entscheiden, wie oft sie sich begegnen.
"Es gibt keinerlei Verpflichtungen." Obwohl neuerdings auch eine
"Partneragentur" zur ständig erweiterten Firma gehört, geht es
beim Kerngeschäft, dem Seitensprung, nicht darum, den Partner fürs
Leben zu finden, sondern um "Spaß und Abenteuer" ohne Vertrag und
Perspektiven. "Auch wenn es natürlich schon vorgekommen ist, dass
daraus eine große Liebe entstanden und die Ehe dadurch zerbrochen
ist."
Singles gehören ebenfalls zur Kundschaft aus allen Schichten: "Bei
uns ist alles vertreten, wobei schon ein gemeinsames Niveau als
Basis vorhanden sein muss". Die Hauptgruppe ist zwischen Mitte 30
und 50 Jahre alt. "Es geht aber schon bei Mitte 20 los, auch wenn
ich mich und manchmal auch die jungen Leute frage, was sie
eigentlich bei uns wollen." Anne Moliere schüttelt den Kopf.
"Aussichtslos ist auch der Wunsch manches 75-Jährigen, eine
30-Jährige zu treffen." Sonst sei fast alles möglich. Ein
Seitensprung werde auch gern mal vom eigenen Ehepartner zu
Weihnachten verschenkt. Wobei zwischen dem fünften und achten
Ehejahr, in dem auch das verflixte siebte liegt, "die meisten
Seitensprünge vorkommen". Männern will die Frauenversteherin aber
auch helfen. "Sie können einer Frau nichts vorspielen: Wenn sie
die Partnerin nicht mehr begehren, geht gar nichts bei ihnen, da
hilft ein Erlebnis mit einer anderen Frau zu erkennen, was sie an
ihrer Ehefrau haben - oder eben auch nicht." Wohlbemerkt: gegen
Kasse.
Inzwischen hat sich die Chefin ein wenig aus dem laufenden
Geschäft zurückgezogen, um sich neuen Angeboten zu widmen -
"unsere Events". Die Männer-Castings etwa, die
Mallorca-Wochenenden, Gruppenreisen mit Alles-ist-möglich-Faktor.
Oder die "Super-Wochenenden" in deutschen Städten. Auch
organisierte Besuche in ausgesuchten Swinger-Clubs in Begleitung
des Agentur-Personals gehören zum Sonderprogramm. "Viele Frauen
sind neugierig auf solche Clubs, trauen sich allein aber nicht
dorthin." Mit "Kusshand" würden viele Kundinnen auch das Angebot
annehmen, kostenlos einen Mann auf Reisen zu begleiten. Madeira,
Kanarische Inseln, Karibik.
Anne Moliere umarmt ihre Tochter, die gerade aus der Schule kommt.
Die Managerin des Ehebruchs und anderer geheimer Vergnügungen ist
eine warmherzige Mutter. Unten im Keller klingeln Telefone, laufen
E-Mails ohne Unterlass ein. Anne weiß wirklich, was manche Frauen
wünschen.
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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 26.11.2004 um 15:44:01 Uhr
Erscheinungsdatum 27.11.2004
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Annes Seitensprung Agentur seit 1998 mit mehr als 2 Millionen Vermittlungen |
| Die Agentur mit dem wohl höchsten Frauenanteil |
Anne Moliere
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